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Neues Gorillaz Album auf dem iPad produziert!

Matthias Krebs | 30. Dezember 2010

I’ve made it on an iPad – I hope I’ll be making the first record on an iPad. I fell in love with my iPad as soon as I got it, so I’ve made a completely different kind of record. (Damon Albarn 12.11.2010, Blur/Gorillaz, via nme)

iPad-Produktion: Gorillaz veröffentlichen The Fall

In immer dichter werdender Folge werden Youtube-Videos veröffentlicht, die Musiker zeigen, wie sie auf mobilen Endgeräten musizieren (insbesondere auf iPhone & iPad). Am 25.12.2010 erschien nun von der populären Zeichentrick-Band Gorillaz unter dem Titel „The Fall“ eines der ersten Alben, die auf dem iPad produziert worden sein sollen. Laut Albarn handelt es sich bei diesem Album um eine Art Tagebuch, so entstanden die 15 Titel überwiegend in Nordamerika/Kanada und thematisieren den jeweiligen Aufnahmeort. Es sei ihm dabei wichtig gewesen, das Album in kürzester Zeit innerhalb eines Monats „on the road“ auf der Tour der Band zu produzieren, um Kritikern zuvorzukommen, die meinen, dass der Sound des Albums nachbearbeitet worden sei (vgl. nme). The World’s 1st iPad Album wird als Weihnachtsgeschenk für alle Mitglieder des Fan-Clubs kostenlos zum Download angeboten (vgl. guardian) oder kann auf der Künstler-Homepage der Gorillaz komplett angehört werden (einfach auf [ I’m on the mailing list ] klicken).

Belehrt das Gorillaz-Album etwa all diejenigen eines Besseren, die meinen, mit dem iPad könnten zwar ein paar nette Spiele, iApps, iPod-Musik und Videos konsumiert, aber wirklich Musik könne darauf nicht produziert werden? Oder handelt es sich bei diesem Album-Release doch nur um eine geschickte Marketing-Maßnahme?

Taugt das iPad zum Arbeiten, geschweige denn zur Musikproduktion?

Als die ersten iPads im Frühsommer 2010 erhältlich waren, wurde zunächst viel Kritik laut, da eine ganze Reihe von Erwartungen an einen berührungsempfindlichen Computer nicht erfüllt wurden. Es handelt sich dabei eben nicht um einen portablen Computer im Sinne eines besonders leichten Laptops, sondern um ein „anderes“ Gerät. Verbreitete Anwendungen wie das Schreiben von Texten, Internetsurfen, Bildbearbeitung und Videoschnitt sind auf dem iPad nur mit starken Einschränkungen bzw. in der Form, wie man sie normalerweise auf dem Computer nutzt, gar nicht möglich. Auf der Bildschirmtastatur ist schon das Schreiben einer kurzen E-Mail auf der abgebildeten Tastatur gewöhnungsbedürftig und man vermisst die Maus bei der Navigation auf Webseiten. Starke Einschränkungen ergeben sich auch durch die fehlenden USB-Schnittstellen, da Maus, Tastatur, Drucker, Sticks und alle übrigen Geräte nicht angeschlossen werden können. Die Programm-Anwendungen (sog. Apps) werden von Programmierern unabhängig von Apple hergestellt, anschließend aber von Apple überprüft und dann über den „Apple App Store“ verkauft (Video-Link). Innerhalb der ersten sechs Monate wurde eine ganze Reihe „anderer“, sehr flexibler Anwendungen entwickelt, die u. a. das Lesen von Informationen und Büchern, das Kommunizieren auf Online-Plattformen und das Organisieren von Medien, Informationen und Projekten auf einfache Weise ermöglichen. Da die Bedeutung der mobilen Touch-Steuerung wächst, werden Internetseiten und Netzangebote von ihren Betreibern auf die Fingersteuerung hin angepasst, z. B. durch Veränderung der Größe der Schaltflächen.

Die komplexen Arbeitsschritte einer Musikproduktion, die heute in kleineren wie in den ganz großen Studios mithilfe von Studio-Programmen auf Computern stattfindet, sind aber trotzdem kaum auf einem Gerät in der Größe eines dünnen Buches vorstellbar. Wie sollten Gesang und Instrumente aufgenommen, die vielen Steuergeräte, Mischpulte und Keyboards sowie Effektgeräte angeschlossen und die finale professionelle Musikproduktion geleistet werden? Hat sich das iPad innerhalb eines halben Jahres hier zum besseren Studio-Computer entwickelt?

Instrumenten-Mix

Im Fokus der Presseankündigungen zum Gorillaz Album „The Fall“ steht klar die erstmalige Musikproduktion auf dem iPad (vgl. rollingstone). Es gibt sogar Blogartikel, in denen akribisch die einzelnen Instrumenten-Anwendungen nebst ihrer Preise im App Store recherchiert wurden. Doch wird in fast allen diesen Darstellungen unterschlagen, dass längst nicht alle Instrumente und Klänge vom iPad stammen. Auf der Homepage der Band findet man deutlich den Hinweis: „All tracks written and performed by Gorillaz using the iPad and additional instruments: Korg Vocoder, Ukelele, Microkorg, Omnichord, Moog Voyager, Melodica, Guitar, Piano, Korg Monotron.“ Daher kann eigentlich nicht genau gesagt werden, wie viel wirklich am iPad gemacht wurde, da ein vergleichbares Instrumentarium auch bei ihrem im Sommer 2010 erschienenen dritten Studioalbum „Plastic Beach“ verwendet wurde. Schließlich wurde das Album noch in einem professionellen Studio klanglich finalisiert. Die vollmundige Ankündigung, dass ein Musikalbum „on the road“ auf dem iPad produziert worden sei, entpuppt sich schließlich als eine PR-Aktion. Dabei  wird aber letztlich auch elektronische Musik nicht am Gebrauch neuer Musiktechnologien bewertet (siehe Review1, Review2). Auf der anderen Seite scheint das Musizieren auf iPhone, iPad & Co aber die Aufmerksamkeit für die Bands und ihre Musikproduktionen stark zu beeinflussen, wie hohe Klickraten auf Youtube belegen (Atomic Tom Video-Link).

Noch mehr Musik vom iPad

Es bedarf kaum hellseherischer Fähigkeiten vorauszusagen, dass in naher Zukunft eine ganze Reihe von Musikproduktionen veröffentlicht wird, die auch mit Instrumenten-Anwendungen vom Handy realisiert werden. Welches Potenzial die graphisch bedienbaren und ultramobilen Endgeräte für (professionelle) Musikproduktionen haben, aber auch welche Hoffnungen und Erwartungen die Instrumenten-Anwendungen hinsichtlich einer musikalischen Nutzung erfüllen können, wird aber letztlich anhand musikbezogener Qualitäten beurteilt. Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung und am Anfang, den musikalischen Nutzen zu erkunden.

Matthias Krebs ist Appmusiker, Diplom-Musik- und Medienpädagoge und wissenschaftlich tätig. Matthias Krebs ist Gründer und Leiter des Smartphone-Orchesters DigiEnsemble Berlin und beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente. Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, digitale Musikinstrumente und Musiker-Selbstvermarktung. Er arbeitet und wirkt an der Universität der Künste Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter, ist als Lehrbeauftragter an mehreren deutschen Musikhochschulen tätig und leitet regelmäßig Workshops. Mehr: www.matthiaskrebs.de


4 Antworten zu “Neues Gorillaz Album auf dem iPad produziert!”

  1. Hagen Kohn sagt:

    Eins vorweg: klasse, dass es dieses Blog gibt, denn die immer zahlreicher werdenden Music-Apps haben iPhone, iPad & co zu einem ernst zu nehmenden künstlerischen Tool (oder Instrument?) heranreifen lassen.

    Während das „MoPho-Orchestra“ (http://vioworld.de/blog/2009/04/mobiles-musikmachen-das-mopho-orchester/) – ein Projekt der ersten Stunde von Studenten der Stanford University – noch recht experimentell und akademisch daher kam, hat spätestens die Band „Atomic Tom“ in diesem Herbst gezeigt, wie man auf Mobiltelefonen so richtig abrocken kann (keine Ironie!). Ein beeindruckender Promotion-Gag in der U-Bahn, aber sicher nicht für die große Bühne geeignet. Man stelle sich die jungs von Metallica vor, wie sie vor tausenden von headbangenden Fans auf ihre Mobiltelefone eindreschen 🙂

    Wenn iPhone, iPad & Co (pardon, natürlich auch die entsprechenden Android-Devices) eine künstlerisch ernst zu nehmende Zukunft haben, dann wohl vorerst in der experimentellen Nische. Für die Bühne gilt: Vintage rules! Es gibt Dinge, die sich einfach nicht verbessern lassen – das gute alte Drumset, die Fender-Stratocaster, ein analoges Rhodes-Piano oder das unkaputtbare Shure SM-58 Mikrofon.

  2. Maria sagt:

    iPads und Tablets generell werden zudem in den nächsten Ausführungen immer leistungsfähiger werden, sodass sich damit auch mehr Möglichkeiten zum komponieren und produzieren auf ihnen eröffnen werden.

  3. […] des größeren Bildschirms leichter zu bedienen. Die Band Gorillaz haben 2010 sogar ein komplettes Album aufgenommen, das z.B. komplett mit dem iPad erstellt […]

  4. […] So produzierte die Comic-Band Gorillaz ihr Touralbum The Fall (2010) ausschließlich mit 20 verschiedenen iPad-Apps. Dabei kamen vor allem unterschiedliche Synthesizer zum Einsatz (mehr dazu HIER). […]

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