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iMusizieren: Das flache Klavier

Matthias Krebs | 31. Dezember 2010

31.12.2010

Was verbindet das Klavier mit einem modernen mobilen Endgerät wie dem iPad? Diese Frage klingt zunächst wie einer dieser kurzen pointierten Witze. Mancher wird vielleicht antworten „beides sind Statussymbole“ und eingeweihte werden ahnen, dass es darum geht, auf den graphischen Multimedia-Geräten Musik zu machen. Die Bildcollage von Ulf Voigt, die in diesem Artikel eingebunden wurde, veranschaulicht den Kontrast zwischen Musiktradition und Technik deutlich. In der Tat stellen Klavier-Programme auf dem iPad eine bedeutende Musik-Anwendung dar. Welchen musikalischen Nutzen diese virtuellen Klavier-Repräsentationen haben, soll in diesem Artikel näher betrachtet werden.

Klavier der iPad-Zukunft

Bild: Ulf Voigt, mit freundlicher Genehmigung

Neue elektronische Musiktechnologien haben es stets schwer, als originäre Instrumente erstgenommen zu werden. Meine Erfahrung ist es, dass schon die Bewertung der musikalischen Qualitäten eines Keyboards häufig auf den Vergleich zum Klavier bezüglich des nachempfundenen Klavierklangs und der Spielbarkeit der Tastatur reduziert wurde. Das mag auch einer der Gründe sein, weshalb eigentlich jedes Keyboard einen möglichst realistischen Klavierklang auf den vorderen Programmplätzen besitzt. Dass diese Keyboards zumeist weitere 100 Klangfarben vorprogrammiert bereithalten und vielleicht sogar die Möglichkeit bieten, mit dem integrierten Synthesizermodul ein breites Spektrum an Klangfarben zu kreieren, spielt für das erste Urteil meist weniger eine Rolle. Weitere Möglichkeiten wie Klänge durch Modulationsräder und Schalter während des Spiel beeinflussen zu können, die Funktion zur Steuerung auch externer Geräte wie Sampler bis hin zu Licht- oder Videoanlagen, eine integrierte Aufnahmefunktion sowie die Mobilität und die geringen Abmessung der Geräte sind nur eine kleine Auswahl musikalisch verwertbarer, dabei aber elementarer Funktionalitäten des Keyboards, die selten ins Kalkül gezogen werden.

Das iPad-Klavier als Klassiker

Warum für das iPad die Vielzahl an Instrumenten-Anwendungen mit „Tastensteuerung“ veröffentlicht wird und warum diese auch überdurchschnittlich häufig von Nutzern  installiert werden, ist wohl mit Blick auf die klassische Wahrnehmung des Keyboards als elektronisches Erbe zu verstehen. Insbesondere Musiker, die zum ersten Mal ein iPad in die Hand bekommen und auf einem reich bestückten iPad viele verschiedene Instrumenten-Anwendungen erblicken, starten zuerst mit den Programmen, die eine Klaviatur anbieten. Ihr Urteil, inwiefern das iPad zum Musikmachen taugt, wird daraufhin durch ein paar Anschläge (Ein-Finger-Technik) auf der  abgebildeten Klaviertastatur und anhand des Klavierklangs gefällt. Obwohl die berührungsempfindliche Multi-Touch-Oberfläche mit ihrer graphischen Gestaltung für die Spielweise bzw. die Ansteuerung des Klangs kein mechanisches nach-unten-Drücken benötigt, sind Klaviertastatur und -klang die entscheidenden Kriterien für das iPad als Instrument. Es scheint als ob die Entwicklung einer neuen Musiktechnologie stets das Klavier als Ausgangspunkt (über)nimmt und daran gemessen wird. Dass auf iPhone, iPad & Co zusätzlich zur potentiellen „Unendlichkeit“ der Klänge, die mit dem Software-Synthesizer generier werden können, nun auch neuartige, graphische Bedienformen auf potenziell frei gestaltbaren Interfaces ermöglicht werden, scheint für die Instrumenten-Anwendungen, zumindest zu Beginn der Entwicklung, weniger wichtig zu sein als die originalgetreue Instrumenten-Abbildung und der Originalklang. Wie aber musiziert es sich mit einem iPad-Klavier?

Plastikklavier auf einer Glasscheibe spielen

Schlägt man mit den Fingerkuppen auf die Glasplatte, unter der sich die virtuellen Tasten sichtbar nach unten bewegen, kann der Klavierklang mit dem hochwertigen Piano-Sound auf Keyboards durchaus mithalten – wenn man ihn mit Kopfhörern anstelle der winzigen eingebauten Lautsprecher genießen kann. Der vermittelte Klang folgt der Fingerberührung in der Regel ohne größere Zeitverzögerung. Doch haben die Finger auf der Platte keine Orientierung. Spätestens dann, wenn man versucht, mehrstimmig mit der ganzen Hand einen Akkord zu greifen, gleiten die Finger häufig bei Akkordwechseln ungewollt auf benachbarte Tasten. Beim Spielen ist es daher nötig, auf die Finger zuschauen, weshalb die Noten besser im Kopf sein sollten. Klangliche Differenzierungsmöglichkeiten im Sinne einer Anschlagsdynamik sind auf dem rein graphischen Interface einer Klaviertastatur nicht umzusetzen. Eine Sensorik für die Stärke des Fingerdrucks ist technisch nicht realisiert. Um diese Merkmale visuell und klanglich zu demonstrieren, möchte ich ein recht verbreitetes Youtube-Video vorstellen, dass zeigt, wie das berühmte „Comptine D’un Autre Été: L’après Midi“ (Noten-Link) des Filmkomponist Yann Tiersen auf sechs iPhones gespielt wird (November 2009).

Selbst auf dem viel größeren Display des iPad, das die Klaviertasten im Umfang von etwas mehr als einer Oktave in originaler Größe darstellen kann, bleibt das musikalische Ergebnis im Vergleich zum realen Klavierspiel im Bereich eines Spielzeugklaviers (Video-Link). Auch Anbieter die sich an professionelle Spieler richten wie z. B. Pianist Pro demonstrieren (unfreiwillig) in ihren Produktvideos, dass die Vorteile der Touch-Geräte wohl nicht in der originalgetreuen Abbildung der Tasten und damit der Spielweise realer Instrumente liegen.

Diese Erkenntnis wird auch anhand von weiteren Instrumenten-Anwendungen, die sich z. B. an Geigen, Trompeten und etwa Akkordeons orientieren, bestätigt.

Vom flachen Klavierspiel zum gemeinsamen Musikmachen im Raum

Spielkonsolen verweisen mit neuartigen Steuerverfahren bereits auf die nächste Dimension. Hier wird die Fläche zum Raum. Es können Töne durch Gesten geformt und Melodien entstehen vielleicht einmal durch eine Tanzchoreographie gesteuert. Aber wie das folgende Video zeigt, werden wohl auch in dieser dritten Dimension die musikalischen Möglichkeiten einmal mehr am Klavier bemessen.

Um zu erkunden, welche Ansätze zum Musikmachen auf mobilen Endgeräten existieren, wie das Musizieren auf iPhone und iPad in kleinen Gruppen gelingt und welche musikalischen Besonderheiten sich insgesamt mit den Geräten ergeben, wurde das DigiEnsemble Berlin von erfahrenen professionellen Musikern gegründet. Welche musikalischen Ergebnisse die gemeinsamen Proben liefern werden, wird sich zeigen.

Matthias Krebs ist Appmusiker, Diplom-Musik- und Medienpädagoge und wissenschaftlich tätig. Matthias Krebs ist Gründer und Leiter des Smartphone-Orchesters DigiEnsemble Berlin und beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente. Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, digitale Musikinstrumente und Musiker-Selbstvermarktung. Er arbeitet und wirkt an der Universität der Künste Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter, ist als Lehrbeauftragter an mehreren deutschen Musikhochschulen tätig und leitet regelmäßig Workshops. Mehr: www.matthiaskrebs.de


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