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Gemeinsam Musikmachen im Netz mit Apps

Matthias Krebs | 8. Dezember 2015

Fast schon so lange wie das Internet selbst gibt es Versuche von Musikern, über das Netz mit anderen Musikern in aller Welt gemeinsam zu musizieren. Doch etwa seit dem Jahr 2010 erlahmte das Interesse an Formen des kollaborativen künstlerischen Schaffens merklich, während gleichzeitig die Plattformen zur Musikverbreitung (Spotify) erst richtig Fahrt aufnahmen. Erst seit Ende 2014 stoße ich wieder vermehrt auf Plattformen, die es ermöglichen, dass Menschen im Netz auf vielfältige Weise musizieren können. In diesem Beitrag will ich einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen liefern.

soundtrap_devices2

Traditionellerweise liegt die Stärke von Künstlern und experimentierbegeisterten Programmierern darin, neue Wege zur Verwendung von Medien und Materialien zu finden. Doch was ist der Grund für das zeitweise geringe Interesse an partizipativen Experimenten im Netz? Zum einen mag dies an dem Boom des Social Web (Facebook, Twitter) liegen, so dass die Aufmerksamkeit von Nutzern kaum auf musikalische Onlineprojekte gelenkt werden konnte. Zum anderen vermute ich, dass sich viele Programmierer und Künstler bei ihren medialen Projekten seit 2007 besonders auf das neue Medium „mobile Apps“ konzentrierten.

Seit etwa zwei Jahren werden technisch ausgereifte Anwendungen veröffentlicht, die nun die Stärken von Apps und Internetanwendungen zusammenführen. Es gibt Beispiele, die im mobilen Browser auf dem Smartphone oder Tablet laufen. Ebenfalls erhältlich sind Musikapps, die als Musikinstrument oder zur Musikproduktion verwendet werden können und die Möglichkeit bieten, das Netz zum Datenaustausch zwischen kollaborierenden Nutzern zu verwenden. Stärker noch als bei anderen App-Typen suchen die Programmierer dieser Apps nach neuen Wegen, die Möglichkeiten der Netzwerkkommunikation bei der Erzeugung und Rezeption von Musik innovativ einzusetzen.

Musikmachen im Web

Einige der im Folgenden vorgestellten Online-Musikplattformen richten sich an einzelne Nutzer, die sich ohne weitere Musiker mit Musikanwendungen beschäftigen. Eine kompositorische Zusammenarbeit oder ein gemeinsames Musizieren mit anderen Nutzern steht bei diesen Beispielen nicht im Fokus.

Daneben existieren immer mehr Musikplattformen und Musikapps, die es ermöglichen, dass Nutzer gemeinsam miteinander über das Internet Musik machen. Einige ermöglichen das gemeinsame Musizieren in Echtzeit, andere ermöglichen eine kollaborative Zusammenarbeit mehrerer Musikproduzenten. Das Internets dienen bei den folgenden Beispielen insbesondere der Verbreitung und Darstellung als vermittelndes Medium.

Das Netz als Musikplattform für einzelne Musiker

Die Spannbreite reicht von einfachen Soundtoys bis hin zum virtuellen Musikstudio. Die Ergebnisse können jedoch nur begrenzt abgespeichert und mit Freunden geteilt werden.

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Diese Liste versammelt einige Netzmusik-Anwendungen, die es dem Nutzer ermöglichen Beats zu produzieren.

 

Musizieren im Web

Die folgenden Beispiele ermöglichen das gleichzeitige Musizieren mit zufällig ausgewählten anderen Nutzern oder mit Freunden, die man zum gemeinsamen Musizieren einladen kann. Verbreitet ist das Prinzip, dass sich mehrere Spieler die Kontrolle über einzelne Instrumente teilen.

 

Noten finden und selbst schreiben

Umfangreiches Notenmaterial unter freier Lizenz findet man unter http://imslp.org.  Jedoch sind schon seit längerem Plattformen etabliert, auf denen Noten in einem Editor geschrieben und sogar mit anderen Nutzern gemeinsam bearbeitet werden können:

Appmusik_Noten schreiben2

Daneben gibt es auch Beispiele, die anstatt der Noteneingabe ein Sequenzerraster zur Komposition anbieten:

Appmusik_Sequenzer

Bei diesen Beispielen können die Kompositionen gespeichert und in einer gemeinsamen Online-Datenbank geteilt und veröffentlicht werden. Dies ermöglicht kollaborative Kompositionen oder die Entwicklung von Varianten durch mehrere Autoren.

Musikproduktionen im Web

Wer jetzt an Sequenzer-Programme wie in Cubase oder GarageBand denkt, liegt nicht ganz falsch. Dabei richten sich die folgenden Beispiele nicht allein an Einsteiger, die erste Erfahrungen mit dem Komponieren via Sequenzer sammeln oder einfach nur Spaß haben wollen. Auch erfahrene Musikproduzenten können mit einer großen Anzahl an Samples herumexperimentieren, eigene Aufnahmen hinzufügen und diese online wie in einem Tonstudio bearbeiten.

Ein professionelles Tonstudio im Web zu reproduzieren, darum geht es hier aber ganz klar nicht. Fokussiert werden Eigenschaften wie die Möglichkeit, zu jeder Zeit überall und sogar gemeinsam mit Kollegen an einem Musikprojekt arbeiten zu können.

Auch die bekannte und schon seit einigen Jahren erfolgreiche Musik-Plattform audiotool will ich an dieser Stelle nennen. Mit vielen Möglichkeiten ausgestattet, über die bisher nur installierte Musikanwendungen auf dem eigenen Computer verfügten, kann audiotool intuitiv und variabel im Internet-Browser bedient werden: Auf einer Desktop-Oberfläche kann man mehrere Instrumente (Drum-Computer, Sequenzer, Sampler u.a.), ein einfaches Mischpult und mehrere Effektgeräte frei platzieren und verkabeln. Die Bedienung der Instrumente und ihr Klang sind eng an den Sound ihrer populären Vorbilder der 80er Jahre von Roland (TR-909, TB-303) angelehnt.

appmusik_audiotool

In einem Sequenzer kann man auch einzelne Tracks in einer Timeline arrangieren und Patterns bzw. Setups speichern. Es ist möglich, aufgenommene Tracks in der audiotool-Community zu präsentieren und zu remixen.  Darüber hinaus können sie per Embed-Player auf anderen Seite eingebunden werden.

Die Vorbilder dieser flexiblen Online-Musikplattformen sind Offline-Computerprogramme zum Installieren auf der Festplatte wie die Plattform eJamming.

 

Musikproduktionen vermittelt durch das Netz

Schon seit vielen Jahren gibt es Musikportale, die ähnlich wie Diskussionsforen funktionieren. Ein Nutzer veröffentlicht eine Projektidee, eine Melodie, einen Groove oder einen Songtext und bittet andere Nutzer, weitere Instrumente zu ergänzen:

Bei aktuellen Musikportalen wird dieses Prinzip auf den Austausch ganzer Musikprojekte erweitert. Dabei wird auch bei diesen Beispielen das Netz nicht direkt zum Musikmachen genutzt, sondern dient als Austauschplattform und Backup von Musikprojekten. Die Nutzer installieren eine Software; diese verknüpft sich mit bereits installierter Produktionssoftware, etwa Ableton, FL Studio oder Logic Pro.

 

Musikapps zum kollaborativen Musikmachen

Musikapps haben in kürzester Zeit eine hohe Verbreitung in der digitalen Musikproduktion erreicht. Die Anzahl übertrifft nach meinen Recherchen die Nutzung von musikalischen Plattformen im Netz, die zum Musikmachen genutzt werden können, deutlich. Aktuell sind allein im iOS App Store (Apple) über 40.000 Musikapps verfügbar, wovon mehr als 5000 Apps dazu verwendet werden können, um damit zu musizieren.

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Viele Musikapps bieten verschiedene Schnittstellen, Eigenkreationen z.B. via Mail, Dropbox und iTunes auch mit anderen Nutzern zu teilen. Darüberhinaus gibt es noch weitere Ansätze, die hier kurz vorstellen will.

Social Music Apps

Einige Apps der Firma „SMULE“ sind darauf spezialisiert, dass Nutzer über verschiedene Apps miteinander musikalisch in Kontakt treten können.

appmusik_musikmachen im netz_Smule

 

Tenorion

Die App erlaubt es, dass bis zu vier Spieler über das Netz ein Instrument bedienen. Das physische Instrument und die App sind dabei funktional gleich.

 

kollaborative Musikproduktionen über das Netz mit Apps

Drüber hinaus sind in jüngster Zeit auch Apps veröffentlicht worden, die Nutzern kollaborative Musikproduktionen mit anderen Nutzern ermöglichen. Damit kann der Nutzer einerseits die Musikapp als mobiles Aufnahmestudio für unterwegs verwenden und auf eine Datenbank von Samples zugreifen, die von allen Nutzern gemeinsam stetig erweitert wird.

 

Weiterführende Links:

Matthias Krebs ist Appmusiker, Diplom-Musik- und Medienpädagoge und wissenschaftlich tätig. Matthias Krebs ist Gründer und Leiter des Smartphone-Orchesters DigiEnsemble Berlin und beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente. Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, digitale Musikinstrumente und Musiker-Selbstvermarktung. Er arbeitet und wirkt an der Universität der Künste Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter, ist als Lehrbeauftragter an mehreren deutschen Musikhochschulen tätig und leitet regelmäßig Workshops. Mehr: www.matthiaskrebs.de


4 Antworten zu “Gemeinsam Musikmachen im Netz mit Apps”

  1. Hallo Matthias,
    vielen Dank für die ausführliche Info. Was ich vermisse, sind Tools mit denen Online (zur gleichen Zeit) musiziert werden kann mit irgendwelchen Instrumenten. Oder habe ich was überlesen?

    Gruss
    Stefan

    • Hallo Stefan,
      vielen Dank für das Interesse. Das gemeinsame Musizieren im Browser über das Internet unterliegt schon allein physikalisch einigen Einschränkungen, da die Datenverbindungen häufig über mehre 10.000 km laufen. Somit entstehen Verzögerungen (Latenzen), die das direkte aufeinander reagieren erschweren. Daher gibt es nur vereinzelt Ansätze, die ich unter der Überschrift „Musizieren im Web“ aufgeführt habe. Ein weiteres Beispiel zum Musizieren mit Apps will ich noch in den Artikel aufnehmen. Dabei handelt es sich um die Reihe des Unternehmens SMULE, die mit den Apps „Magic Piano“, „Sing!“ und „Guitar!“ Nutzern ermöglichen via Smartphone über das Netz miteinander zu interagieren.

  2. Matthias sagt:

    Audreio has released version 2.0 of its plug-ins and iOS App to extend Audreio’s connection capabilities from local networks to anywhere in the world. Audreio has also added AAX plug-in format support, as well as a standalone cross-platform desktop app for remote connections that don’t have a DAW.

  3. Schon eine Weile alt, aber trotzdem interessant: New jamLink Audio Interface Lets You Jam Over The Internet – http://www.synthtopia.com/content/2009/11/23/new-jamlink-audio-interface-lets-you-jam-over-the-internet/

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