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Berliner Stadtmusikanten mit iPads: „Operation Straßenmusik“

Matthias Krebs | 28. Juli 2012

Wir Musiker des DigiEnsemble Berlin, die mit Tablets und Smartphones musizieren, experimentieren ja ständig mit Möglichkeiten und Grenzen unseres digitalen Instrumentariums und haben zur Abwechslung eine Street Performance abgeliefert. Viele Passanten blieben stehen und schauten uns amüsiert, manchmal auch etwas irritiert zu. Neugierige wollten mehr über unsere Aktion erfahren. Was die Publikumsreaktionen angeht, unterscheidet sich also die Straße kaum vom Konzertsaal. Die Reporterin Shirin Weigelt von Radio Fritz hat uns bei unserem Ausflug ein Stück begleitet:

Hört doch mal rein!

Wetten, nach 10 Minuten ist Schluss!

Samstagvormittag, 21. Juli 2012. Mit unserem iPad-, iPod- und Android-Smartphone-Instrumentarium treffen wir uns zu zehnt auf dem Alexanderplatz. Mit dabei iPad-Stative, Instrumentenkabel und mittelgroße (batteriebetriebene) Keyboardverstärker, an denen wir Gitarrengurte angebracht haben, um sie über den Schultern tragen zu können. Es ist keine Sponti-Aktion. Matthias schwört uns schon länger auf das Experiment ein: „Lasst uns, ganz ohne aufwändiges Equipment, auf Berlins Straßen unser neues Programm aufführen!“ Seit ein paar Wochen proben wir eine Anzahl an Stücken mit neuen Spieltechniken, die es uns erlauben, virtuosere Musik zu spielen. Außerdem soll das Publikum nach Möglichkeit in die Performance miteinbezogen werden.


Fotos:  Sven Ratzel und Johannes Püschel

Ist es nicht verboten auf öffentlichen Plätzen mit Lautsprecherverstärkern Musik zu machen? Tim wettet 10 €, dass in 10 Minuten die Ordnungsmacht auf den Plan tritt. Uwe ist optimistischer und hält dagegen, er gibt uns eine Gnadenfrist von 40 Minuten. Ohne Verstärker sind unsere mobilen Hosentascheninstrumente natürlich witzlos. Welche Wahl haben wir also? Doch ganz unerwartet sind wir schließlich den halben Tag in musikalischer Mission unterwegs.

Musizieren mit Tücken

Zunächst mussten wir uns mit der ungewohnten Situation anfreunden. Anfangs spielten wir noch verhalten. Aber mal  für mal wurden wir mit unserem neuen Stücken lockerer – wie übrigens auch die Zuschauer.

Musikalisch waren wir mit unserer Darbietung noch nicht so zufrieden. Gar nicht so einfach, die Premiere für unser neues Repertoire bei Wind und Wetter auf der Straße zu feiern. Die Sonne zeigte sich selten, doch wenn sie es tat, konnten wir unsere digitalen Spieloberflächen kaum mehr erkennen (wegen der Spiegelungen und der begrenzten Displayhelligkeit). Daher bauten wir uns also unter der S-Bahn-Brücke am Alex auf. Dort ließ uns allerdings ein frischer Windzug ordentlich frieren, mitten im Sommer und trotz Jacken. Passant @Duerrbi hat diesen eisigen Moment mit einem Foto festgehalten. Vielen Dank!

Am besten kamen bei den Leuten unsere klassische Streicher-Version des Volkslieds „Guter Mond“, die Fuge von Fux und der Poptitel „I Follow Rivers“ an. Das Impro-Stück (à la Händel) und der Rocktitel „Word Up“ enthalten auch starke Momente, aber setzten sich klanglich nicht wie gewohnt auf der Straße durch. Es gab eigenartige Probleme mit dem Synthesizer-Klangteppich. Normalerweise ist Svens und Tammins Geräuschkulisse sehr wirkungsvoll, auf der Straße dagegen fast unauffällig. Auch „Word Up“ fehlte so recht die Durchschlagskraft wegen des fehlenden Bass/Percussion-Punchs. Unser neustes Experiment, die neun-stimmige Renaissance Suite von Allegri (aus dem 17. Jahrhundert) hat im Freien nicht überzeugen können. Hier benötigen wir noch zu viel Konzentration für die neuen Spieltechniken. Unser Spiel wird zwar virtuoser und expressiver, dafür ist der Übungsaufwand auch enorm. Insgesamt kann man aber sagen, dass eine gute Mischung aus Best of Pop und klassischer Musik auch auf der Straße gut funktioniert.

Batterien leer?

Immerhin, technisch hatten wir keinen Totalausfall zu beklagen. Irritierend war, dass die Lautsprecher, besonders gegen Ende, nicht mehr wie am Anfang klingen wollten: Lautstärkenschwankungen trotz zwischenzeitlichem Batteriewechsel. Vielleicht lag es an der Akustik der verschiedenen Spielorte. Das sollten wir im Auge behalten. Die Batterien unserer Spielgeräte hielten bei voller Displayhelligkeit bis zuletzt ohne Probleme durch. An Musik-Apps brachten wir DM1, ThumbJam, GeoSynth, SoundPrism Pro, iKaossilator, GarageBand, SampleTank, Alchemy, Animoog, Nodebeat (für Android) und Bebot zum Einsatz.

Die Spielroute

Losging es unter den S-Bahn-Bögen neben der Weltzeituhr am Alexanderplatz. Unter der Brücke spielten wir nicht nur unser erstes Geld ein, sondern wurden auch von einer Straßenkünstlerin mit einem handgemalten Cartoon beehrt. Offenbar befand sie uns für würdig und schrieb gleich noch eine Widmung dazu.

Bild der Straßenkünstlerin (Detail)

Unsere zweite Station hieß Hackescher Markt. Vor einer Pizzeria bot sich uns eine gut sichtbare Bühne an. Leider war das Lokal zu der Zeit schwach besucht. Weiter ging es zur Museumsinsel. Gleich beim ersten Song versammelt sich ein klasse Publikum. Leider vertrieb uns ein Platzhüter: Vorschriften zum Lärmschutz der Marktbetreiber? Also zogen wir mit unseren Verstärkern und Instrumenten-Stativen weiter und stationierten uns diesmal vor dem Berliner Dom. Dort spielten wir vor einer begeisterten Menge zwei komplette Sets hintereinander. Schließlich landeten wir unweit des großen Springbrunnens unter dem Fernsehturm direkt vor dem Roten Rathaus. Umgeben von Rosensträuchern versammelte sich schnell eine Publikumstraube. Neugierige schauten uns über die Schultern und lauschten ganz gespannt den klassischen Stücken.

Was haben wir im Hut?

Das eingenommene Geld muss man, gemessen an der Größe des aufmerksamen Publikums, als eher bescheiden einstufen. Dafür sind uns aber auch noch gröbste „Straßenmusiker-Fehler“ unterlaufen. Wer traut sich beim nächsten Mal, mit dem Hut herumzulaufen? So ein „Hut“ sollte  übrigens stilsicher ausgesucht sein. Omas Keksdose bleibt besser Zuhause.


Fotos: Johannes Püschel und Sven Ratzel

Trotz der unterschiedlichen Publikumsreaktionen gab es kaum einen, der auf Hörweite vorbeikam und uns überhaupt keine Beachtung schenkte. Sicher ist, uns Musikern hat der musikalische Ausflug „ins Blaue“ viel Spaß bereitet – vor allem, als vor dem Berliner Dom die Sonne endlich herauskam und uns viele Passanten im Lustgarten zuhörten.

Die intensivsten Momente waren das gefühlvolle dirigieren mit viel Mimik im Gesicht von Daniel, Matthias’ Gitarrensolo im Impro-Teil, einige Partymoves von Sven, die sphärische Stelle bei „I Follow“ oder Johannes’ Einsatz bei „Word Up“. Allerdings wollte sich nicht immer bei uns allen das Gefühl einstellen, total „im Flow“ zu sein. Die Gründe dafür müssen wir noch herausfinden. Jedenfalls war es eine tolle Gemeinschaftsaktion mit der ganzen Band und guter Laune durch Berlin zu streifen, auf der Suche nach gut bespielbaren Plätzen und erwartungsvollen Passanten.

Wiederholung

„Wir könnten uns theoretisch jeden Donnerstag eine halbe Stunde auf die Straße stellen und Auftrittserfahrung sammeln“, meinte anschließend Johannes. Dies sollte uns insgesamt lockerer machen, gerade auch vor großen Bühnenkonzerten. Die Straße lockt das Spielerische aus dem Bauch heraus. Außerdem ist es ein exzellentes Experimentierfeld, um Neues auszuprobieren. Vor allem, wie wir das Publikum besser in unsere Performances (vielleicht sogar aktiv) einbeziehen können. Der nächste Termin ist bereits abgestimmt. Nun muss nur noch das Wetter mitspielen. Wir geben’s kurzfristig über Facebook Bescheid.

(Ein Bericht von Johannes und Matthias)

– Aktuelle Infos, Videos und Fotos findet ihr unter www.digiensemble.de oder auf Facebook

Matthias Krebs ist Appmusiker, Diplom-Musik- und Medienpädagoge und wissenschaftlich tätig. Matthias Krebs ist Gründer und Leiter des Smartphone-Orchesters DigiEnsemble Berlin und beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente. Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, digitale Musikinstrumente und Musiker-Selbstvermarktung. Er arbeitet und wirkt an der Universität der Künste Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter, ist als Lehrbeauftragter an mehreren deutschen Musikhochschulen tätig und leitet regelmäßig Workshops. Mehr: www.matthiaskrebs.de


Eine Antwort zu “Berliner Stadtmusikanten mit iPads: „Operation Straßenmusik“”

  1. Maria sagt:

    Und wie lange konntet ihr die App-Performance durchziehen? Wisst ihr schon, wann ihr wieder öffentlich zu hören sein werden?

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